BRESLAU - BERLIN. Europäische Nachbarn

LABOR RELATIONS

Aus der internationalen Sammlung des Zeitgenössischen Museums Wrocław

Little Warsaw, Dynamus, 2008, object, © Wrocław Contemporary Museum

Little Warsaw, Dynamus, 2008, object, © Wrocław Contemporary Museum

Die erste Ausstellung mit Werken aus der internationalen zeitgenössischen Sammlung wurde seit 2011 im Zeitgenössischen Museum Wrocław aufgebaut und befasst sich mit dem Thema der „Labor Relations“. Der Ausdruck bezieht sich auf das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, dessen Dynamik durch die gleichen Prozesse beeinflusst wird wie die globalen Märkte: Kolonialismus, Industrialisierung und Kapitalismus. Diese Kräfte formen außerdem die politische Landschaft, Migrationsziele und den Zustand von Körper und Geist.

Magdalena Jetelová, The essential is no longer visible, 1995 (2011), lightbox, © Wrocław Contemporary Museum

Magdalena Jetelová, The essential is no longer visible, 1995 (2011), lightbox, © Wrocław Contemporary Museum

Das sozialpolitische Profil der Ausstellung spielt auf die Idee Jerzy Ludwińskis an, der in seinem Beitrag im Museum of Current Art von 1966 den Aufbau eines Museums forderte, das als behutsamer Seismograf und Auslöser für Veränderungen im Bereich der Kunst fungieren sollte. Er verstand die Kunst als einen Teil der sie umgebenden Welt, einschließlich der Schwerindustrie, welche die Durchführung zahlreicher Ausstellungen und Symposien überhaupt erst finanziell ermöglichte.

 

VALIE EXPORT, Fragmente der Bilder einer Berührung, 1994, installation, fot. © Markus Krottendorfer, courtesy Charim Galerie Wien / Vienna

VALIE EXPORT, Fragmente der Bilder einer Berührung, 1994, installation, fot. © Markus Krottendorfer, courtesy Charim Galerie Wien / Vienna

Die beteiligten Künstler beziehen sich auf das Vermächtnis der Industrie, welches die Gegenwart sowohl nostalgisch als auch kritisch stimuliert. Anna Molska zeigt in Ihrer Video-Arbeit Weavers („Die Weber“) von 2009 die Minen im heutigen Niederschlesien und bezieht sich zudem auf Gerhart Hauptmanns gleichnamiges Stück.

Hauptmann, der an der Akademie der bildenden Künste Wroclaw (Breslau) seinen Abschluss erwarb, beschreibt darin den Schlesischen Weberaufstand von 1844. Die im Stück enthaltenen Texte der Arbeiterlieder zeugen von der Frustration der Weber angesichts der extrem niedrigen Nahrungsrationen, die sie als Bezahlung für ihre harte Arbeit in der Fabrik bekamen: „Wenn wir sangen, bis die Schienen krachten, wenn wir sangen, bis die Häuser der Fabrikbesitzer einstürzten – niemanden kümmert’s.” Hauptmanns Lieder sind im Kontext der Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern noch heute relevant. wie  auch Jeremy Dellers Werk spiegelt.

Das Transparent mit der Aufschrift Today you have day off (2013) richtet sich an alle Arbeiter in Großbritannien mit Null-Stunden-Verträgen, die kein Recht auf soziale Absicherungen oder Mindestlöhne haben.

Auch die Beleuchtung der Ausstellung nimmt Bezug auf das industrielle Erbe. Realisiert in Zusammenarbeit mit Seva Granik spielt sie auf die illegalen Raves und Partys in verlassenen Fabrikgebäuden an, die in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren in Europa und den USA stattfanden. Deller betont, dass die Partys gleich den Fabriken zur Zeit der industriellen Revolution, gefährlich Orte waren, an denen sich männliche und weibliche Körper bei großer Hitze berührten und sich begleitet von mechanischem Lärm schüttelten.

Beim Thema Arbeitsbeziehungen dürfen auch Überlegungen zum Kolonialismus nicht fehlen, der seit dem 16. Jahrhundert durch die europäischen Staaten betrieben wurde. Der Drang, die effiziente Unterordnung der Kolonien voranzutreiben und die dort erwirtschafteten Gewinne zu maximieren, führte zu einer beschleunigten Entwicklung der Transportmittel und Kommunikationswege, die heutzutage die internationale Produktion und den Handel ermöglichen. Obwohl das Präfix zum Begriff „Post-Kolonialismus“ darauf hinweisen könnte, dass die Bereicherung von amerikanischen und europäischen Weststaaten auf Kosten Afrikas und Asiens ein abgeschlossener historischer Prozess ist, betonen viele zeitgenössische Forscher der politischen und sozialen Wirklichkeit, dass Kolonialismus in einer zynischeren und verschleierten Form weiterhin existiert. In Polen untersuchen Analysen der polnischen Kolonialpolitik von Kresy (östliches Grenzland) gewöhnlich deren Zusammenhang mit dem polnischen Feudalsystem . Jedoch wird Polens Verantwortung für die Eroberung Afrikas und Asiens gemeinhin als Witz abgewiesen, eine Anspielung auf den erfolglosen Versuch Polens,in den 1930er-Jahren Madagaskar zu kolonisieren. Inzwischen ist Polen als Handelspartner Teil der internationalen Märkte, deren Fundamente auf der Kolonialpolitik basieren.

Yinka Shonibare, Fake Death Picture (The Death of St Francis – Bartolomé Carducho), 2011, photography, © Wrocław Contemporary Museum

Yinka Shonibare, Fake Death Picture (The Death of St Francis – Bartolomé Carducho), 2011, photography, © Wrocław Contemporary Museum

Aus diesem Grund werden auch Arbeiten von Künstlern wie Yinka Shonibare oder Ed Atkins gezeigt, die sich mit der kolonialen Vergangenheit Frankreichs und Großbritanniens befassen. Handlungsstränge sind in diesem Zusammenhang der Kommunismus und Kapitalismus, als zwei Ideologien, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Welt in Zonen des wirtschaftlichen und politischen Einflusses geteilt haben.

Arbeiten von Igor Grubić und Dominik Lang halten fest, wie sich die politischen Transformationen in diesem Teil Europas auf die Neubewertung von konkreten Kunststilen auswirkten. In der Arbeit „Little Warsaw“ (2008) des ungarischen Künstlerkollektivs Dynamus, dessen Mitglieder im Kommunismus lebten und arbeiteten, sitzt eine menschliche Figur mit gespreizten Beinen auf einem Erdball. Sie bezieht sich auf den mythischen Atlas und fungiert als Personifizierung der totalitären Bestrebungen des 20. Jahrhunderts.

Arbeiten von Monica Bonvicini, Krystian “Truth” Czaplicki und Eva Kotátková lenken die Aufmerksamkeit unterdessen auf die schlechten Bedingungen für jeden Einzelnen im heutigen Kapitalismus, und laden ein, sich mit der körperlichen und geistigen Unterordnung an die bindenden Gesellschaftsnormen näher zu befassen.

Ed Atkins, The Trick Brain, 2012, video HD 16 min. 16 sec., courtesy the artist and Cabinet Gallery (London), © Wrocław Contemporary Museum

Ed Atkins, The Trick Brain, 2012, video HD 16 min. 16 sec., courtesy the artist and Cabinet Gallery (London), © Wrocław Contemporary Museum

Kuratorin: Dr. Sylwia Serafinowicz

Werke von: Pilar Albarracín, Ed Atkins, Ewa Axelrad, Johanna Billing, Monica Bonvicini, Krystian „Truth” Czaplicki, Jeremy Deller, VALIE EXPORT, Carlos Garaicoa, Dominique Gonzalez-Foerster, Igor Grubić, Ryszard Grzyb, Binelde Hyrcan, Dominik Jałowiński, Zuzanna Janin, Magdalena Jetelová, Laurie Kang, Anna K.E., Jürgen Klauke, Eva Kotátková, Alicja Kwade, Dominik Lang, Klara Lidén, Little Warsaw, Natalia LL, Annette Messager, Anna Molska, Carlos Motta, Deimantas Narkevičius, Antonio Paucar, Joanna Rajkowska, Mika Rottenberg, Gregor Różański, Eran Schaerf, Allan Sekula, Shikeith, Yinka Shonibare, Piotr Skiba, Goran Škofić, Slavs and Tatars, Tatiana Trouvé, Krzysztof Wałaszek, Piotr Wysocki

Ankäufe in den Jahren 2012–2015 wurden durch das Ministerium für Kultur und Nationales Erbe kofinanziert.

Das Zeitgenössische Museum Wrocław ist eine öffentliche Institution der Stadt Wrocław.

 

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Infos

10.06. – 27.03.2017

Uhrzeit / Öffnungszeiten

Mo: 10-18 Uhr
Die: geschlossen
Mi-So: 12-20 Uhr

Adresse / Ort

Muzeum Współczesne Wrocław [Zeitgenössisches Museum Wrocław]
pl. Strzegomski 2a, 53-681 Wrocław

Veranstalter

Muzeum Wspólczesne Wrocław
[Zeitgenössisches Museum Wrocław]

Website